Wie war das möglich?

25.Mai 2020
  • Geschichten aus dem Spital

Auf Besuch in der Kinderpsychiatrischen Station

Welch' heilsame Wirkung Humor haben kann, erleben ROTE NASEN zunehmend in psychiatrischen Einrichtungen. Hier treffen die Clowns auf sehr verletzliche Kinder und Jugendliche. Mit viel Feingefühl schaffen sie eine Atmosphäre, in der die Kinder den festgefahrenen Rollenbildern von psychiatrischen Patient*innen entkommen können.

ROTE NASEN Clowns besuchen die Kinderpsychiatrische Station im Neurologischem Zentrum Rosenhügel regelmäßig seit April 2008. Markus Rupert alias Clown Harald erzählt von seinen Erfahrungen...

Wie soll das gehen?

Dass es ein besonderer Einsatz werden würde, war mir schon bei der Anfahrt in der stickigen und überfüllten Straßenbahn klar, es war mein erstes Mal in diesem Krankenhaus und das ist meistens eine besondere Herausforderung und oft eine spannende und sehr schöne Erfahrung. Als Treffpunkt hatten wir die Haltestelle der Straßenbahn ausgemacht und ich war froh, als ich aussteigen durfte, eine frische Brise wehte mir ins Gesicht als meine Kollegin kam, sie war mit dem Fahrrad unterwegs.

In der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie angekommen wurden wir bei einer Tasse heißen Kaffee genauestens über den Zustand der kleinen Patientinnen und Patienten aufgeklärt und während der Übergabe dachte ich mir: „Wie können wir dem Lachen hier Platz schaffen?“

Die familiären Situationen bzw. der Alltag, in dem diese Kinder aufwachsen lassen nicht viel Platz für Spaß oder Humor. All diese Krankheitsbilder, die zum überwiegenden Teil keine organischen oder körperlichen Ursachen haben, sondern vielmehr in den äußerst schwierigen sozialen und familiären Lebensumständen wurzeln, kamen mir wie eine undurchdringbare Mauer vor.

Vielleicht wäre es für mich besser gewesen, wenn ich diese Übergabe schon im Kostüm, schon als Clown Harald gemacht hätte, denn nach dem Umziehen sah die Welt ganz anders aus. Denn für Harald existierte keine Mauer und auch kein so schwieriger Lebensumstand, er konnte einfach darauf losmarschieren und jedes einzelne Kind und die Jugendlichen ganz offen besuchen. Dieses "nicht-bewerten" macht für mich den Zauber unserer Arbeit in den Spitälern aus und diese Haltung wurde auch bei diesem Einsatz wieder belohnt: Mit der herzlichen Offenheit der Kinder und Jugendlichen.

©Niko Havranek

Ein 8-jähriger Bub, der bei der Übergabe als äußerst schwierig beschrieben wurde ...

... sang mit uns Kinderlieder und brachte uns bei, wie man ein Papierdampfschiff falten kann. Das ist für manchen Clown schon eine sehr große Herausforderung. Wir saßen zu dritt am Tisch in seinem Zimmer und er erklärte uns Schritt für Schritt, mit geduldiger und freudiger Mine das Schiffleinfalten. Wir hatten eine schöne Zeit mit ihm!

©Niko Havranek

Mit einem anderen, etwas älterem, Jungen mit dem die Kommunikation schwierig ist, weil er gerne viele Schimpfwörter verwendet und sein Gegenüber nicht ernst nimmt, hatten wir eine Schattenboxpartie. Wir mussten uns ganz langsam in Zeitlupe bewegen mit ganz klaren Regeln, die er nicht nur eingehalten hat, sondern auch einforderte. Als Harald versuchte, ein wenig zu schwindeln wurde er dafür ordentlich geschimpft. Und aus dem Geschimpfe machten Harald und seine Clown-Kollegin einen Rap mit der wortreichen Unterstützung des Jungen. Gemeinsam Musik machen gefällt Harald ganz besonders.

Eine 13-jährige Patientin erklärte ...

... meiner Clown-Kollegin, wie man am besten einen Liebesbrief schreibt und ihn dann Harald unbemerkt zusteckt. Das mit dem heimlichen Zustecken erweist sich als schwieriger als erwartet, denn Harald ist immer auf der Hut. Es ist dann auch nicht gelungen, aber die zwei haben sich sowieso sehr gern, mit und ohne heimlichen Liebesbeweis.

Und so absolvierten wir an diesem Nachmittag viele schöne Besuche und meine Erwartungen wurden übertroffen. Als wir dann wieder in unserer Zivilkleidung waren, dachte ich mir: „Wie war das möglich?“ Harald würde daraufhin sagen: „Wie ist nicht wichtig, Hauptsache, es ist möglich.“

©Niko Havranek