"Wenn ihr geht, bleibt die Heiterkeit"

18.Februar 2021
  • ROTE NASEN Interviews

Andrea B. Schramek alias Clownin Flora im Gespräch mit dem Psychotherapeuten Msc Jörg-Peter Hosak über seine Erfahrungen mit ROTE NASEN im Hospiz der Geriatrischen Gesundheitszentren in Graz.

Wie war Ihre erste Begegnung mit ROTE NASEN Clowns?

Meine Tochter ist einmal im LKH gelegen und ich war für einige Tage in einem Papa-Tochter-Zimmer. Da habe ich euch zum ersten Mal erlebt. Dass ihr auch zu betagten Menschen kommt, war mir nicht bekannt. Aber warum nicht?!

Als Mensch beendet man sein Leben, wie man begonnen hat. Eine Demenzstation ist einer Kinderstation in vielem ähnlich. Es sind natürlich keine Kinder, aber das Verhalten ist Kindern oft sehr nahe, vor allem im Empfinden von Freude. Ich bin in den Geriatrischen Gesundheitszentren sehr bald mit ROTE NASEN in Beziehung getreten. Wir hatten sehr viele schöne Begegnungen und ich habe das immer genossen, weil eure Grundhaltung etwas Besonderes ist.

Die Herzen berühren...

Wenn man dort so eine Station betritt,  sieht man meist, wie jeder nur bei seinem Tisch sitzt und döst. Und dann kommt ihr und nehmt den Raum ein: Da rührt sich was. Nachhaltig. Da ändert sich die Stimmung in eine heitere, wertvolle Energie. Diese Menschen glauben ja, dass sie an diesen Ort gebracht wurden, weil sie nicht mehr wertvoll sind. Und weil ROTE NASEN ein bisschen ungeschickter sind als sie, wird das Gefühl geweckt, dass auch sie noch Wert haben.  

Da wacht ganz viel auf. Betagte Menschen haben ja ganz viel aus ihrer Lebenserfahrung in ihrem Inneren. Und auf einmal können sie wieder an diese Ressourcen andocken. Vielleicht ist am Anfang Verwirrtheit da, aber „das Herz wird nicht dement“. Das ist zwar ein Buchtitel, aber ich sage das auch oft.  Ich glaube, dass ihr dieses Herz berührt.

Was ist Ihre Meinung zu „Humor, angesichts des Todes“?

Ich bewundere es, dass ihr eure Arbeit auch auf Hospiz-Stationen anbietet. Ihr seid Profis. Auch ich, als Psychotherapeut, kann auf der Hospiz-Station nicht, wie sonst, fragen: „Was ist ihr Erneuerungswunsch, ihr Veränderungswunsch?“  - und trotzdem begleite ich Sterbende als Psychotherapeut. Aber Heiterkeit ins Hospiz zu tragen, dazu war ich am Anfang meiner Tätigkeit noch nicht in der Lage. Ihr konntet das.

Doch ja: auch im Hospiz darf gezeigt werden, wie viele Ressourcen noch da sind. Man kann noch miteinander Singen, miteinander Tanzen. Es gibt noch ganz viel Leben zu leben. Und ihr weckt das auf. Nachhaltig. Denn, wenn ihr geht, bleibt die Heiterkeit. Wenn nichts mehr zu machen ist, gibt es nämlich noch viel zu tun. Und dann treten die ROTE NASEN auf und der Alltag ist ein bisschen sonniger. Ich habe das erlebt und konnte in den Gesichtern der Gäste und Patient*innen, mit einem fast wissenschaftlichen Auge, weiterlesen, was sich für die Menschen eröffnet hatte.

Gerade in den Zimmern, habe ich oft erlebt, dass es für einen Sterbenden in seinen letzten Tagen, oder Stunden die schwerste Prüfung ist, so vieles zurücklassen zu müssen:

Seine Lieben, seinen Partner, alles, was das ganze Leben über wertvoll und wichtig war, muss man zurücklassen. Jeder einzelne Angehörige betrauert einen Menschen, aber der, der geht, muss sehr vieles zurücklassen. Das ist eine schwere Prüfung. Durch Musik berührt ihr Menschen auch auf einer sehr basalen Ebene. Vielleicht ist es so, wie auf der Memory-Station: Ihr zeigt auch dem Sterbenden „Noch ist er da“.

Die Arbeit der Clowns mitzuerleben war für mich immer sehr wertvoll. Die Tätigkeit hat natürlich auch bei mir etwas verändert. Wir reifen. Das Leben ist ein Prozess. Und ja: Wir sollten alle viel mehr lachen.

In Wahrheit haben wir in einem Hospiz ja nicht viel anderes zu Verfügung, außer Medikamente, Humor und DA-SEIN.  

*Die Fotos in diesem Beitrag sind vor dem Ausbruch der Covid-19 Pandemie entstanden. ROTE NASEN halten sich an alle gesetzlich vorgeschriebenen Abstands-, und Hygienebestimmungen.