Martin Kotal im Interview

19.November 2020
  • ROTE NASEN Interviews

In einem Interview* gibt Martin Kotal, der künstlerische Leiter von ROTE NASEN, einen Einblick in die Herausforderungen und Chancen der aktuellen Situation. 

(* Es handelt sich hierbei um Ausschnitte eines gesprochenen Interviews)

1) Wie hat sich die Arbeit der Clowns durch die aktuelle Covid-19 Situation verändert?

Es hat sich massiv verändert für uns. Ich glaube wir alle wissen, dass einer der wichtigsten Momente in der Clownarbeit die Begegnung mit dem Publikum ist. Die Clownkunst lebt davon, dass sie auf das Publikum, auf unmittelbare Reaktionen eingeht. So kann man sich vorstellen, dass es einen massiven Einfluss nimmt, wenn wir plötzlich unser Publikum nicht mehr treffen können, unglaubliche Distanzen und Abstände wahren müssen oder auch unsere Mimik hinter einer Maske verdeckt wird. Wobei die rote Nase wird ja auch als „kleinste Maske der Welt“ bezeichnet, weil sie sozusagen als Verstärker von Ausdruck und der Erzählkunst dient. Sie betont das Herz oder die Mitte des Menschen. Also wenn wir den Kopf in drei Teile teilen würden, also in Denken, Fühlen und Körper, dann wäre das der Herzbereich, der emotionale Bereich, den wir mit der roten Nase betonen. Also diese Maske ist uns bekannt, die andere Maske noch nicht.

2) Wie geht ihr mit den Herausforderungen jetzt um?

Erstens waren wir damit konfrontiert, dass wir uns alle wieder Gedanken machen müssen, was ginge eigentlich noch außer der üblichen Form der Clownkunst. Man wurde aus der Routine rausgeboxt, was auch schön sein kann. Viele von uns haben einen eigenen Clownraum daheim eingerichtet, was ja normalerweise in dem Beruf nicht vorgesehen ist. Warum auch? Man lädt sich ja normalerweise kein Publikum nach Hause ein. Also das war ein faszinierender neuer Schritt, dass wir unsere Privatbereiche, also Teile davon, der Öffentlichkeit geöffnet haben und diese künstlerisch für uns gestaltet haben. Das war wirklich ein faszinierender Moment für mich, als mein Wohnzimmer plötzlich zum TV Studio wurde und immer noch ist.

Wir haben sehr viel gelernt in dieser ersten strengen Phase des Lockdowns. Auch dass wir uns nicht mehr so schnell aus unseren angestammten Bereichen rausdrängen lassen wollen. Wir haben so viel gelernt, wie wir gut damit umgehen und wie wir die Maßnahmen gut einhalten, wie wir mit Masken sehr wohl Menschen begegnen können, so dass wir sicher länger darum kämpfen werden, dass wir Teil des medizinischen Personals sind und auch in den Krankenhäusern noch länger verweilen wollen und werden.

3) Was ist deiner Meinung nach die größte Herausforderung?

Es gibt so viele große Herausforderungen. Geduld zu haben, was einem Clown nicht leicht fällt. Abzuwarten, vorausschauend zu sein, die Geschichten anzupassen, die Gesellschaft sehr genau zu beobachten, was sie braucht. Was es jetzt braucht sind die Sozialen Medien, und es ist notwendig, diese für uns noch relativ neue Welt verstehen und zu benutzen lernen. Und sie vielleicht anders zu nutzen, als es vielleicht weitläufig der Fall ist. Das ist auch bei der Clownkunst immer ein Anliegen, die Dinge per se zu hinterfragen. Eben auch z.B. eine Zoom-Session als das zu nehmen, was es wirklich ist: wir befinden uns immer im Hier und Jetzt und das können wir vielleicht auch den Leuten ein bisschen geben. Ich glaube diese Sehnsucht ist auch in der Gesellschaft da.

4) An welche Vorgaben müsst ihr euch zurzeit halten?

Ich glaube da ist die größte Herausforderung, dass es komplett unterschiedliche Vorgaben gibt. Aber wir nehmen alles, und das ist auch ein wichtiger Teil der Clownkunst, furchtbar ernst. Aber wirklich auch aus Überzeugung, nicht weil wir uns über etwas lustig machen wollen. Aber das Ernstnehmen ist die Grundlage dafür es gut zu machen und es zu transformieren. Und wir nehmen alle Vorgaben extrem ernst, wir lauschen der Regierung mit großen Ohren, was es gerade für Maßnahmen gibt und wahrzunehmen sind. Wir wollen unterstützender Teil der Gesellschaft sein. Wir sind die Letzten, die da ein Risiko eingehen wollen. Bei unseren Kooperationspartnern sind die Vorgaben unterschiedlich. Das liegt am Träger des Spitals, das liegt an den leitenden Ärzten. Wir haben aber auch innerhalb unserer Organisation unsere eigenen Standards, welche wir immer aufrechterhalten.

5) Wie reagieren die Patient*innen auf die neuen Maßnahmen?

Auch sonst gehen wir auch keine große körperliche Nähe ein, das bietet schon die Professionalität, dass wir in keinster Weise den Menschen zu nahe treten, im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist eine Kunst, die sehr am Gegenüber beruht und nur auf Einladung reagiert. Und in Zeiten wie diesen, kann man sich nicht vorstellen, wie willkommen unsere Clowns derzeit sind! Es ist so ein wichtiger Moment und wenn es dann auch nur Gartenbesuche sind. Wenn diese bunte Truppe mit Musik und Gesang und einem wunderbaren Klamauk durch die Gärten zieht und Lebendigkeit versprüht, das kann man sich eh schön ausmalen, dass das nach längerer Zeit, wo ein Stillstand da war und alles sehr zurückgenommen war, die Menschen extrem positiv reagieren. Wir haben auch die Lizenz zum Begegnen, Leute anzusprechen. Diese rote Nase ist unglaublich was sie als magisches Symbol in den Menschen auslöst, da werden Kindheitserinnerungen wach. Es gibt ein unausgesprochenes Einverständnis: das sind Menschen, denen man trauen kann und wo man sich öffnen darf. Gerade in Zeiten nach einem Lockdown, ist diese Lust und Sehnsucht nach Wiederbegegnen extrem spürbar für uns.

Der Clown verschweigt ja nichts, da ist nichts geheim. Wenn es also eine Maßnahme gibt, die mir nicht gefällt, wenn ich Menschen nicht die Hand halten darf oder mit Handschlag begrüßen darf, wie wir das üblicherweise machen, dann wird das eben Thema sein, wie furchtbar es ist, dass ich das zurzeit nicht darf. Dann nehme ich dem Gegenüber wieder ganz viel negative Emotion ab. Das ist auch ein wichtiger Teil unserer Arbeit, dass wir Filter sind, dass wir die negativen Momente auch ein bisschen übernehmen und sehr auf das Positive hinweisen. Gerade wenn man das Negative in sich aufnimmt, dann löst man im Gegenüber das Positive, das Lachen aus. So kann man viel auflösen und transformieren, das ist ja unsere Kunst, die Situation im Moment zu transformieren.

6) Warum ist aus deiner Sicht die Arbeit der Clowns gerade in der aktuellen Situation so wichtig?

Einerseits ist es das Zielpublikum, das sich erweitert hat. Es gibt so viel mehr Menschen, die mit existenziellen Fragen konfrontiert sind und die Clownkunst ist existenziell. Die holt die Leute sehr gut ab, denn wir können auch sehr gut existenziell sein und dann findet man in uns Verbündete, Leidensgenossen sozusagen. Wir sind sehr gut auf dieser Empathieebene aufgestellt. Das ist gerade in dieser Zeit glaub ich sehr wichtig, wo sehr viel über Vereinsamung gesprochen wird, die Menschen viel alleine sind oder sich in sehr gebündelten Konstellationen wiederfinden. Da kann man wirklich auch in so einem Zoom-Setting in eine Ablenkung und ein Miteinander kommen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, da gibt es diese Sehnsucht nach dem Miteinander und Kontakt, und das können wir bieten.