Flora und das unhörbare Konzert

24.September 2020
  • Clowns im Einsatz

Die Roten Nasen besuchen seit 2004 die Geriatrischen Gesundheitszentren in Graz. Damals waren Clowns erstmals in ihrer Arbeit mit älteren, kranken Menschen konfrontiert. Das bedeutete ganz neue Eindrücke, andere Themen, eine andere Art zu spielen, oder Kontakt aufzunehmen, und vor allem, sich viel mehr Zeit für einzelne Menschen zu nehmen und ganz individuell auf sie einzugehen.

Andrea B. Schramek alias Flora erinnert sich an ihren ersten Einsatz und eine berührende Begegnung...

Aufmerksam beobachtend, gehen Brösel und Flora durch die Stationen. Werden die Clowns auch bei älteren Erwachsenen gut ankommen? Brösel spielt auf seiner Ukulele „Veronika, der Lenz ist da“ und Flora singt dazu. Die Patienten, die an Tischen in Aufenthaltsräumen sitzen, blicken auf, lächeln, manche singen mit. Das Eis ist schnell gebrochen. Mit großem Hallo stellen sich Flora und Brösel vor und schütteln viele Hände. Es ist ein schöner, erster Empfang – und der Beginn einer langen, schönen Zusammenarbeit in der Albert-Schweitzer-Klinik.    

Da entdeckt Flora am Ende des langen Ganges, eine, fast leblose, hagere Gestalt in einem Rollstuhl. Sie hat allen anderen den Rücken zugekehrt und scheint zu schlafen.

Als Brösel und Flora näher kommen, erkennen sie, dass hier ein alter, blasser Mann sitzt und döst. Zwischen seinen Beinen klemmt ein Cello. Aber es ist kein echtes. Es ist ein Cello aus einer Sperrholzplatte, an deren Vorderseite 4 Schuhbänder als Saiten montiert sind. In seiner rechten Hand hält der Herr jedoch einen echten Bogen. „Das ist Werner!“, sagte die Stationsschwester. „Er war früher mal in der Oper. Im Orchester.“

Neben Werner, auf einem Tisch, liegt auch eine Plastiktrompete, daneben ein zerknülltes Notenblatt. Brösel spielt auch oft Trompete. Für eine Sekunde stellt  sich Flora Brösel 30 Jahre älter vor, in einem Rollstuhl und mit einer Plastiktrompete. Wir werden alle älter... – auch Clowns. Aber wir denken lange nicht daran. Und ein alter Mensch ist für uns meist einfach ein alter Mensch. Was sein Leben einmal ausgemacht hat, wer er gewesen ist, ... wissen viele Menschen nicht mehr. Dieser Herr war also einmal Orchestermusiker. In der Oper. Und jetzt? Er sitzt da, mit geschlossenen Augen – eine Sperrholzplatte zwischen den Knien.

Unhörbare Musik

„Spielen Sie uns etwas vor?“, fragt Flora. Werner öffnet langsam die Augen. Sein erstaunter Blick scheint von ganz weit zu kommen.  Er überlegt kurz und nickt schließlich bedächtig. Dann schließt er die Augen, legt seine Finger an die Saiten und beginnt zu „spielen“. Beschwingt und rhythmisch führt er den Bogen, seine dünnen Finger gleiten behände über die Schuhband-Saiten und sogar ein Vibrato erzeugt er. Für sich. Denn es ist nichts zu hören. Aber Flora ist klar, dass ER etwas hört. Etwas Wunderschönes. „Wie schön!“ sagt Flora, „Was ist das denn?“ Werner lächelte geheimnisvoll. Er hält kurz inne, hebt mit geschlossenen Augen den Kopf zum Himmel und flüstert hingebungsvoll: „Bach!“.  Und mit einem Ruck spielt er inbrünstig, leidenschaftlich weiter seine unhörbare Musik. Flora kommt es so vor, als hörte sie die Cello-Suite Nr. 1 in G-Dur. Als Werner fertig ist, applaudieren Brösel und Flora gerührt und Werner verbeugt sich zufrieden.

„Kann man ihm denn nicht einen Ort organisieren, wo er Cello spielen kann?“, fragt Flora die Stationsschwester voll Mitgefühl. „Er kann es nicht mehr. Er würde hören, wenn er Fehler macht und das wäre frustrierend. So ist die Musik nur in seinem Kopf. Perfekt. Und er ist glücklich.“ „Das stimmt!“, sagt Flora, wenn Brösel nur so tut als, ob klingt es auch viel schöner!“.  Die Schwester lacht. „Das glaub’ ich auch!“. „Waaas?“, fragt Brösel, der nie etwas versteht.

Das philharmonische Cello-Clown-Trio

Für den nächsten Besuch, haben Flora und Brösel Noten und einen Notenständer mitgebracht. Brösel legt seine Ukulele an das Kinn wie eine Geige, und Flora hält ihre Blockflöte wie eine Traversflöte. Die beiden müssen sich die Noten, die sie weder lesen, noch spielen können, teilen und zanken ein wenig darüber,  wer in die Noten schauen darf ... Werner blickt etwas abfällig und schüttelt den Kopf, aber dann zuckt er mit den Schultern und erteilt mit dem Bogen den Einsatz. Alle drei atmen gleichzeitig und hörbar durch die Nase ein und ohne vorherige Probe, spielen sie wunderbar  - unhörbar  - harmonisch das Trio in F-Dur W.B. 40 von Johann Sebastian Bach.
Als Werner nach einiger Zeit wieder aufblickt, strahlt er stolz. „Oooa“, versuchte er zu sagen und zeigt mit dem Bogen auf sich. „Ja. Sie haben in der Oper gespielt!“. Flora versteht sofort, was Werner sagen will. Werner nickt heftig. „Ooa!“, wiederholt er stolz. Für eine Sekunde blickt er nachdenklich vor sich hin, aber dann lächelt er, schließt die Augen, legt den Kopf schief – und spielt weiter auf seinem „unerhörten“ Cello...

Für viele Jahre, haben wir Werner besucht – und mit ihm gemeinsam Musik gemacht, die zwar niemand hören konnte, uns aber alle sehr glücklich machte.

*Die Fotos in diesem Beitrag sind bereits in den letzten Jahren, weit vor dem Ausbruch der COVID19-Pandemie entstanden. Für ROTE NASEN haben der Schutz und das Wohlergehen der Menschen, die sie besuchen, oberste Priorität! Selbstverständlich halten sich ROTE NASEN Clowns an alle geltenden gesetzlichen und einrichtungsinternen Abstands-, und Hygienevorschriften.