Ein Jahr Emergency Smile Ukraine

24.Februar 2023
  • Emergency Smile Ukraine

Im Frühjahr 2022 kamen in Salzburg geflüchtete Kinder und Erwachsene aus der Ukraine an. ROTE NASEN Clowns haben diese in den Grundversorgungseinrichtungen in Wals und in Puch besucht. Außerdem gingen sie zu Waisenkindern in St. Georgen im Attergau (OÖ).

Michaela Grösswang war als Clownin Gudrun bei vielen dieser Emergency Smile-Einsätze dabei.

Wie läuft ein Einsatz bei geflüchteten Menschen in Grundversorgungs-Einrichtungen ab?

Im Vorfeld füllen wir unsere imaginären Koffer mit unterschiedlichen Tricks, Tools, Liedern und Slapstickelementen. In unsere realen Taschen packen wir häufig Schaumstoffnasen, Seifenblasen oder eine Handpuppe. Jeder Clown/jede Clownin hat auch seinen/ihren individuellen Gegenstand dabei. Bei mir ist es z.B. die Guitarlele, die nicht fehlen darf.

Die Einsätze verlaufen jedes Mal anders, denn jede Situation braucht ihr individuelles clowneskes Spiel. Meistens beginnen wir unsere Einsätze mit Musik, einer Melodie und einem bestimmten Gehrhythmus. Wir machen viel mit Musik, denn das ist eine allgemeingültige Sprache und ein Türöffner. Dann gehen wir durch den Eingangsbereich, den Speisesaal und den Aufenthaltsraum. Oft kennen uns die Menschen schon und wir werden von Kindern empfangen.

Was passiert dann, wie sieht euer Spiel aus?

Das Spiel kann im direkten Spiel mit Kindern oder Erwachsenen stattfinden oder aber auch indirekt, wenn uns die Menschen aus der Ferne einfach nur beobachten.

Es kann beispielsweise vorkommen, dass wir Clowns im Speisesaal mithelfen die Stühle ordentlich hinzustellen. Jedoch kann die Definition von Ordnung zwischen zwei Clowns sehr unterschiedlich sein, was zu Problemen untereinander führen kann. Wir sind auch Profis im Identifizieren und Imitieren von  Quietschgeräuschen jeglicher Art und können Türen (vor allem automatische Schiebetüren) faszinierend öffnen.

Manchmal hilft auch meine Handpuppe Hansi der Hase bei der ersten Kontaktaufnahme, speziell bei jüngeren Kindern. Bei einem kleineren Buben in Wals haben sich sein Kuscheltier und Hansi zunächst vorsichtig angenähert. Beim Besuch zwei Wochen später haben die beiden Kuscheltiere bereits gemeinsam Abenteuer erlebt und sind das Stiegengeländer runtergerutscht. Und wieder einen Besuch später ist der Bub direkt mit uns Clowns ins Spiel eingestiegen und Hansi durfte in der Tasche bleiben.

Als 78 Waisenkinder aus der Ukraine in St. Georgen im Attergau ankamen, wurde ROTE NASEN gefragt, ob wir sie besuchen wollen. Wie wurdet ihr Clowns dort empfangen?

Am Anfang haben wir die Kinder wöchentlich, später zweiwöchentlich besucht. Aktuell sind wir einzelne Tage während der Ferien dort. Ich finde es unglaublich schön, dass sich bereits beim ersten Einsatz im April 2022 individuelle Begrüßungsrituale mit einzelnen Kindern etabliert haben, die sich bis heute gehalten haben. Bei einem Buben findet die Begrüßung zum Beispiel in Form von wilden Verbeugungen statt, bei einem anderen Kind macht der Zeigefinger ein „Ssss-Geräusch“ und wieder bei einem anderen Kind werden die Hände ganz sanft und vorsichtig auf und ab bewegt.

In St. Georgen haben wir meistens mehrere Koffer mit Zirkusrequisiten dabei. Mit viel Spaß, Freude, Geduld und Ehrgeiz werden Teller gedreht und gleichzeitig Verrenkungen gemacht, Bälle und Tücher im Duo und allein jongliert und Weltrekorde im Diabolohochwerfen aufgestellt. Durch die regelmäßigen Besuche kennen uns die Kinder und auch wir sie ein Stück weit. Und das lässt wunderbare clowneske Situationen entstehen.

Wie unterscheiden sich Einsätze bei geflüchteten Kindern von Besuchen im Spital?

Im Krankenhaus ist die Atmosphäre von vornherein eher leise und behutsam. Denn aufgrund von Krankheit oder Operationen sind bestimmte körperlichen Fähigkeiten im Moment eingeschränkt. Da leben wir als Clown-Duo oft stellvertretend für die Kinder deren Energie durch unsere Körper aus.

Bei Emergency Smile-Einsätzen sind die Kinder meistens körperlich unversehrt. Die Atmosphäre kann daher laut, voller Action und Power sein und wir können diese Energie gemeinsam in der direkten Interaktion ausleben. Manchmal ist die Atmosphäre aber auch ganz still und leise.

Sowohl bei Besuchen im Spital als auch bei den Emergency Smile-Einsätzen begegnen wir den Kindern als Kinder und nicht als Kranke oder Geflüchtete. Es sind Kinder, die spielen und herumtoben, die Fantasie-Welten erobern, lachen und gesehen werden wollen. Ich denke, dass dieses Kind-sein-dürfen essentiell ist in ihrer jeweiligen Ausnahmesituation.

Clownerie ist meiner Meinung nach ein Schlüssel zu diesem Kind-sein-dürfen und kann möglicherweise auch einen Funken Hoffnung säen.

Wie verständigt ihre euch, wo doch viele nicht Deutsch verstehen?

Erstaunlicherweise funktioniert das sehr gut. Wir haben uns ein paar Grundkenntnisse auf Ukrainisch angeeignet, die sind natürlich – typisch Clown – kläglich gescheitert. Aber diese Begegnungen funktionieren auch ohne Sprache. Die Verständigung findet durch Musik, Körpersprache, durch das Einfach-da-Sein oder ein Tänzchen statt.

Kannst du dich noch an eine besonders berührende Begegnung erinnern?

Meine Clown-Kollegin Josefine und ich haben beim Verabschieden in Wals auf dem Koffer sitzend Guitarlele gespielt und gesungen. Da ist eine Frau auf uns zugekommen und hat gefragt, ob sie ein Foto von uns machen darf. Während des Fotografierens hat sie zu weinen begonnen. Wir haben mit der Frau gemeinsam einen Kreis gebildet, uns an den Schultern gehalten, gesungen und sind im Takt hin und her gewippt. Das war so ein Gefühl von, wir können kurz diesen Schmerz und diese Trauer gemeinsam tragen und es ist gut so. Nach einer Zeit haben sich die Tränen in ein Lachen und in eine Herzlichkeit verwandelt. Es hat keine Worte und keine Erklärung gebraucht. Und ein verrücktes gemeinsames Clownfoto durfte zum Schluss natürlich auch nicht fehlen.

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