ROSA erzählt …

17.Juli 2017
  • Im Interview mit ROTE NASEN

… über die Arbeit als Clownin

Interview mit Tips Wiener Neustadt/MICHAEL J. PAYER

"Wir tragen dazu bei, den ganzen Menschen zu sehen"

Martina Haslhofer ist seit vielen Jahren im Krankenhaus Wiener Neustadt in den Kinderabteilungen und den HNO-Abteilungen als Rote-Nasen-Clownin Rosa unterwegs. Mit Tips teilt Sie ihre Erfahrungen.

Tips: Was hat Sie bewogen, die rote Nase anzulegen?

Martina Haslhofer: Als junge Frau hat mich das Besondere interessiert. Die Clownerie ist eine eigene Welt. Ich wollte als Clown aber schon immer zu ungewöhnlichen Orten gehen. Im Krankenhaus ist das Lachen per se nicht zu erwarten. Man rechnet nicht mit Clowns im Krankenhaus. Begegnungen, die hier passieren sind unglaublich und unerwartet. Das hat mich sehr interessiert und ist nach wie vor so.

Tips: Hat sich die Clownin "Rosa" seit ihrem ersten Spitalsbesuch 1994 verändert?

Haslhofer: Als ich begonnen habe, war ich teilweise nur drei Jahre älter als die Kinder, die bis 18 Jahre auf der Kinderstation liegen. Rosa hat sich verändert. Mit dem Älter-Werden wächst und altert auch Rosa. Aber ein Clown ist alterslos. Oft ist auch nicht das Geschlecht relevant. Ich bin heute nicht mehr die naive Clownfigur. Rosa hat jetzt mehr Erfahrungen in ihrem Universum.

Tips: Sind Besuche bei Kindern belastender als bei Erwachsenen?

Haslhofer: Bei schweren Erkrankungen ja. Zum Glück sind nicht alle Kinder schwer krank. Die meisten gehen relativ bald wieder gesund heim. Jede stationäre Aufnahme ist aber belastend. Es sammelt sich emotional viel an. Wenn wir ein Kind besuchen, denken wir grundsätzlich, dass es gesund wird. Wenn es nicht so ist, dann ist es auch für uns Clowns nicht leicht. Das ist natürlich belastend. Man lernt in diesem Beruf auch eine gewisse Art von Akzeptanz: "So ist das Leben." Um es machen zu können, muss man eine Art Frieden finden, dass es Krankheit und Tod gibt. Das kann man nicht ignorieren.

Tips: Streift man die Belastung mit dem Clownkostüm ab?

Haslhofer: Während ich als Clown unterwegs bin, bin ich im "Clown-Zustand". Damit lässt sich vieles leichter nehmen. Als Clown ist man auf das Positive gerichtet. Privat beschäftigen mich die Schicksale mehr als im Kostüm. Mt Krankheiten kann ich besser umgehen als mit schlechten sozialen Bedingungen. Da ist sehr hart. Wir versuchen es professionell zu handhaben. Schlecht wäre es, sich vor Mitleid zu viel selbst aufzulasten. Man braucht Entlastung und Distanz. Dafür machen wir auch regelmäßig Supervision.

Tips: Ein Ziel von ROTE NASEN ist es, Kranke oder leidende Menschen durch die Kraft des Humors zu stärken. Gelingt das immer?

Haslhofer: Nein natürlich nicht. Es gibt Tage, wo auch wir Clowns merken, dass es nicht leicht ist. Manchmal will man einfach nicht lachen. Da ist auch unsere Aufgabe, das zu erkennen und auch zu erfragen. Generell lösen wir sehr schnell eine emotionale Reaktion aus. Es ist nicht immer ein Lachen was passiert, sondern verschiedenste emotionale Begegnungen. Menschen reagieren auch mit Tränen und weinen die Anspannung heraus. Die Menschen sind berührt und es kann sich wieder in ein Lachen verwandeln. Wir wollen den Menschen einen schönen Moment verschaffen.

Tips: Bedarf es beim Spital-Personal an Überzeugungsarbeit?

Haslhofer: Auf den Kinderabteilungen ist es nach über 20 Jahren keine große Sache mehr. Es gibt auch Menschen, die Clowns nicht mögen oder sich mit uns unsicher fühlen. Die Figur des Clowns hat in Österreich weniger Tradition wie etwa in Italien. Bei uns gilt die Annahme, dass Clowns nur für Kinder sind. Hier braucht es noch Überzeugungsarbeit. Wo wir tätig sind, ist das Feedback aber wirklich gut. Auf Palliativstationen gibt es immer mehr den Wunsch nach den Roten Nasen. Die Idee, dass alles ruhig sein soll, hat sich verändert. Es werden Menschen behandelt, nicht nur Patienten. Wir bringen das Lebendige. Viele lassen sich auch anstecken und reißen auch einen Schmäh mit den Patienten.

Tips: Was sind die schönsten Momente am Rote Nasen-Clown-Dasein?

Haslhofer: Wenn man in diesem Bereich arbeitet relativiert sich viel. Man erlebt wunderschöne Dinge mit den Menschen. Eine unglaubliche Erfahrung, wie toll das sein kann. Durch diese Arbeit lebt man mehr im Moment. Es macht das Leben bewusster.

Tips: Kann Humor wirklich beitragen Krankheiten zu heilen?

Haslhofer: Aus meiner Erfahrung ja! Eigentlich werden Menschen gesund. Menschen sind vielschichtiger als nur die Krankheit. In diesem Sinne tragen wir dazu bei, den ganzen Menschen zu sehen.