Portraitfoto der ehemaligen ROTE NASEN Clownin Barbara Pachl-Eberhart

Naseweisheiten

20.November 2015
  • Im Interview mit ROTE NASEN

Was bedeuten ROTE NASEN für dich?

Kennen Sie das Gefühl, wenn Ihr geliebtester Mensch Sie fragt: „Sag mal, was ist es eigentlich genau, was du an mir liebst?“ Oder erinnern Sie sich an das Gefühl, das Sie als fünfjähriges Kind hatten, wenn man Sie fragte, was Sie sich vom Christkind wünschen? Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie hungrig in den Supermarkt gehen und die Dame an der Wursttheke Sie fragt: „Grüß Gott, was darf’s denn sein ...“?

„Möchtest du uns ein paar Worte dazu schreiben, was die Roten Nasen für dich bedeuten?“, hat mich das freundlichste Redaktionsteam der Welt vor ein paar Tagen gefragt. Und, schwupps, da war es schon, das altbekannte Gefühl. Tausend Worte möchten aus mir herauspurzeln. Tausend Möglichkeiten drängeln sich in meinem Kopf, rangeln darum, welche von ihnen die wichtigste ist. Tausend Erinnerungen fliegen empor wie Seifenblasen, eine verlockender und wertvoller als die andere.

Was mir die Roten Nasen bedeuten? Eigentlich ist es ganz simpel: Alles. Wirklich alles. „Die Roten Nasen waren meine Lebensschule“, sage ich oft. Dann, wenn ich gefragt werde, woran es liegt, dass ich nicht an meinem Schicksal – dem Tod meiner Familie im Jahr 2008 – zerbrochen bin. Und ich meine es ernst. Was haben mir die Roten Nasen beigebracht? Nicht, wie es geht, immer lustig zu sein. Auch nicht, die Nase aufzusetzen und der Welt etwas vorzuspielen. Sie haben mir nicht beigebracht, zu scheitern oder zu fallen. Das konnte ich schon vorher, das kann jeder Mensch von ganz alleine.

Was ich bei den Roten Nasen lernen durfte, klingt simpel und ist für mich doch das größte Geschenk, die größte Kunst. Ich durfte lernen, Clown zu sein. Nicht, Clown zu spielen: Clown zu sein. Mit jedem Tag in diesem Beruf, mit jedem Workshop, jeder Übung wuchs ich mehr und mehr in die Seele dieses archetypischen, gutmütigen, ständig staunenden Wesens hinein. Und immer mehr begriff ich, was es ist, das den Clown tatsächlich ausmacht und uns, die wir uns mit dem Geist des Clowns verbinden, auf so machtvolle Weise verzaubert. 

Worin liegt die Zauberkraft des Clowns? Heute habe ich eine klare Antwort darauf. Der Clown weiß, dass er auf nichts, auf gar nichts Anspruch hat. Er hat nicht die Erwartung, etwas zu bekommen, etwas zu behalten oder Glück zu haben, nur weil er lieb und brav gewesen ist. Das Wesen des Clowns besteht darin, dass es die Unsicherheit der Welt für selbstverständlich hält. Er rechnet mit nichts, auch nicht mit der Gerechtigkeit (was auch immer das ist). Das alles macht den Clown nicht traurig. Ganz im Gegenteil: Es macht ihn frei. Denn während wir noch Wunden lecken und fluchen und Briefe an das Salzamt schreiben, hat der Clown längst schon wieder seine Sachen aufgesammelt, seine Kleider abgeputzt und sich bereit gemacht, das Glück des Augenblicks aufs Neue zu suchen. Wer nichts erwartet, muss auch nicht hadern. Und darin liegt die ganz besondere Glücksquelle des Clowns. Für ihn ist sie selbstverständlich. Wir dürfen froh sein, wenn wir uns ein wenig von ihm abschauen können.

Ich fühle mich vom Leben beschenkt, weil ich durch die Roten Nasen rechtzeitig lernen durfte, dass der Anspruch, den wir ans Leben stellen, niemals absolut sein kann. Nur so konnte ich meinen Mann und meine Kinder gehen lassen ohne dem Leben böse zu sein. Nur so konnte ich ein neues Leben beginnen, ohne zu verhärten. Das ist es, was mir die Roten Nasen vor allem anderen bedeuten.

Bis bald,

Ihre Barbara Pachl-Eberhart