Clown spielt Ukulele und Clownin nähert sich langsam einem Jungen

Ein kleines Feuerwerk des Glücks

16.November 2016
  • Geschichten aus dem Spital

ROTE NASEN Clowns in der Kinderpsychiatrie

Vorsichtiges Annähern ...

Eine Tür, Holz, weiß lackiert wie jede andere, doch diese hat ein besonderes Gewicht, lässt sich scheinbar nur schwer öffnen. Dahinter - auf einem Sessel kauernd - Marcel, 9 Jahre alt. Körper-sprachlich: ein Häufchen Elend. In sich versunken, der Blick halb zum Fenster hinaus, halb zur Wand starrend. Jetzt sieht er uns und weiß nicht recht wie ihm geschieht, was er von 2 Clowns an seiner Tür halten soll. Marcels Gefühlswelt schwankt wohl zwischen Unsicherheit, Rückzug und Verwunderung. Noch ...

Es ist Montagmittag, Zeit für unseren wöchentlichen Einsatz im Neurologischen Krankenhaus am Rosenhügel in Wien. Ein ganz besonderer Einsatz, denn die Kinder, die hierher kommen sind schwer vom Leben gebeutelt: Sie leiden unter fehlenden Familienstrukturen, haben Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung am eigenen Körper erlebt oder beobachten müssen. Oft gibt es niemanden mehr, der ihnen Halt gibt, wichtige Grenzen setzt, oder Zuversicht, Anerkennung und Liebe schenkt.

Clownin und Clown stehen vor Jungem mit roter Kappe, sie interagieren
© Niko Havranek

Uns, Dr.DI Dagmar und Dr. Vincenzo, ist klar, dass wir hier nicht mit der Tür ins Haus fallen dürfen. Behutsam vorgehen und dem Kind Zeit geben, das kennen wir schon von unzähligen Besuchen hier. Also fangen wir - nach einem kurzen "Hallo" und einer kleinen Vorstellung - an, uns gegenseitig aufzubrezeln. Denn wir sind ja auf Besuch DEM großartigen Marcel! Dagi zupft an meinen Hosenträgern herum, ich versuche das Nest auf ihrem Kopf irgendwie in Form zu bringen und dabei verheddern wir uns schon heillos ineinander ... ein Slapstick-Kuddelmuddel und plötzlich: Marcel zeigt Neugierde, er hat sich uns zugewandt.

Marcel ist hier der Boss und darf bestimmen. Viel zu oft wurde über ihn und sein Leben entschieden, war er Spielball von familiären Tragödien, wurde er von Familie zu Kriseninterventionszentrum, von dort in eine betreute WG, zurück zur Familie, jetzt hier ins Krankenhaus verschoben.

bunte Tasche mit Tüchern und Seifenblasen
© Niko Havranek

Das Eis ist gebrochen!

Marcel hat Dagmars bunt schillernde Tasche entdeckt. "Was ist da drin?" Seine ersten Worte. Gut so! "Lauter magische Sachen!", gebe ich ihm zurück. Marcels Interesse wächst, ein beginnendes Leuchten macht sich in seinen Augen breit. Dagmar holt ein Fläschchen heraus, öffnet es und fluuubbbb! "Das sind doch nur Seifenblasen!", kommentiert Marcel fast enttäuscht, doch das ist Teil des Planes und schwupp ... habe ich auch eine gefangen, die sich auf der Stelle in eine große Glasmurmel verwandelt. "WOW, wie hast du das gemacht?"

Doch ohne große Erklärung fängt die Kugel an zu verschwinden und an den unmöglichsten Stellen wieder aufzutauchen, zuerst bei mir und Dagmar, auf einmal kullert sie auch aus Marcels Ohr und aus seinem Schuh. Großes Gelächter. "Nochmal! Lass sie jetzt da auftauchen oder da!"

Eine unserer Hauptaufgaben hier am Rosenhügel besteht darin, den Kindern wieder einen Brücke zu ihrer Gefühlswelt zu bauen. Vielen von ihnen sind anfangs sehr eingeschränkt in der Fähigkeit, ihre eigenen Emotionen auszudrücken oder auch die Gefühle ihrer MitpatientInnen wahrzunehmen. Aus diesem Grund sind wir auch Teil des mehrmals im Jahr stattfindenden Projektes " Theater der Gefühle", bei dem es genau um die spielerische Wiedererlangung der emotionalen Fähigkeiten geht.

Und plötzlich wird aus der Glaskugel ein Rassel-Ei! Marcel ist entzückt. Er schnappt sich das Ei und ist gleich Feuer und Flamme für den Beat, den er selbst dem Instrument entlockt. Wir greifen seinen Rhythmus auf, schnappen uns Ukulele und Gartenschlauchtrompete und rocken im Zimmer, yeah!!! "Das ist super Marceeeel, er macht den Beat knackig und schneeeelll!! Ja, dieser Rhythmus von Marceeel, macht unser Leben froh und heeeeellll!", tönt es aus unseren Kehlen. Marcel fühlt sich pudelwohl dabei, der Hauptprotagonist dieses Liedes zu sein. Er ist in diesem Moment jemand, er ist wichtig, er wird von uns beachtet und bewundert. Er fühlt sich gebraucht und wertvoll

Clown macht einen Zaubertrick, Clownin steht dahinter
© Niko Havranek

Stolz auf seine Talente

Auch diesen Aspekt unserer Arbeit hier erleben wir hier immer wieder als essentiell. Die meisten Kinder, die wir in psychosomaltischen Abteilungen besuchen, haben oft gar kein Selbstvertrauen. Es fehlten in der Vergangenheit stabile Bezugspersonen, die Ihnen vermittelten, dass sie wertvolle Menschen sind. Sie erlebten sich wiederholt als Sündenböcke, als diejenigen, die den Rahmen sprengen, die nicht in unserem System funktionieren. Sie zu ermutigen, ihre Talente zu zeigen, sich wichtig zu fühlen, sie auf ein Podest zu stellen und sie zu bewundern, ist eine schöne und wichtige Aufgabe für uns.

Jetzt hat Marcel ein unscheinbares Seil entdeckt. "Wofür ist das?" "Na für den großen Seiltänzer Marcel!" Und schon wird das Seil straff ausgelegt. Als erstes kündigt Dagi jedoch mich, Vincenzo, als Probeakrobaten an! Gerade ich! Mit meiner Höhenangst! Oh Gott! Aber Marcel beharrt auch darauf und reicht mir seine Hand. Er ist jetzt der, der mir Mut zuspricht, mich beruhigt und mich über das Seil leitet. Um dann gleich selber an den Start zu gehen. Konzentriert und bestimmt setzt Marcel einen Fuß vor den anderen. Als Belohnung für die mutige Meisterleistung gibt es noch ein Feuerwerk von bunten Tüchern, die auf Marcel herabschweben und immer wieder mit großer Freude ausgelassen von ihm in die Höhe geschleudert werden.

Für uns ist nun aber die Zeit zum Abschied gekommen, andere Kinder warten schon auf uns. Für Marcel könnte es jedoch ewig so weitergehen. "Nein, geht nicht! Bleibt noch ein bisschen bei mir!" Ein bittender Blick, eine Umarmung. Und schließlich ein Lächeln, als er hört, dass wir nächsten Montag wiederkommen werden.

Wir werden Marcel hier noch etliche Wochen wiedertreffen. Unsere Arbeit macht Sinn. Immer, aber gerade in solchen Momenten. Und die vormals schwere Tür scheint in der Zwischenzeit ein wenig von ihrer Schwere verloren zu haben ...

Junge wirft bunte Tücher in die Luft, dahinter sieht man zwei Clowns
© Niko Havranek